Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden – Heinrich von Kleist

„Wenn du etwas wissen willst und es durch Meditation nicht finden kannst, so rate ich dir, mein lieber, sinnreicher Freund, mit dem nächsten Bekannten, der dir aufstößt, darüber zu sprechen. Es braucht nicht eben ein scharfdenkender Kopf zu sein, auch meine ich es nicht so, als ob du ihn darum befragen solltest: nein! Vielmehr sollst du es ihm selber allererst erzählen. … Aber weil ich doch irgend eine dunkle Vorstellung habe, die mit dem, wes ich suche, von fern her in einiger Verbindung steht, so prägt, wenn ich nur dreist damit den Anfang mache, das Gemüt, während die Rede fortschreitet, in der Notwendigkeit, dem Anfang nun auch ein Ende zu finden, jene verworrene Vorstellung zur völligen Deutlichkeit aus, dergestalt, daß die Erkenntnis, zu meinem Erstaunen, mit der Periode fertig ist. Ich mische unartikulierte Töne ein, ziehe Verbindungswörter in die Länge, gebrauche auch wohl eine Apposition, wo sie nicht nötig wäre, und bediene mich anderer, die Rede ausdehnender Kunstgriffe, zur Fabrikation meiner Idee auf der Werkstätte der Vernunft, die gehörige Zeit zu gewinnen. … Es liegt ein sonderbarer Quell der Begeisterung für denjenigen, der spricht, in einem Antlitz, das ihm gegenüber steht; … Ich glaube, daß mancher große Redner, in dem Augenblick, da er den Mund aufmachte, noch nicht wußte, was er sagen würde. Aber die Überzeugung, daß er die ihm nötige Gedankenfülle, schon aus den Umständen, und der daraus resultierenden Erregung seines Gemüts schöpfen würde, machte ihn dreist genug, auf gutes Glück hin, zu setzen. … Ein solches Reden ist wahrhaft lautes Denken. Die Reihe der Vorstellungen und ihrer Bezeichnungen gehen neben einander fort, und die Gemütsakten für eins und das andere kongruieren. Die Sprache ist alsdann keine Fessel, etwa wie ein Hemmschuh an dem Rade des Geistes, sondern wie ein zweites , mit ihm parallel fortlaufendes Rad an seiner Achse. … Wenn daher eine Voestellung verworren ausgedrückt wird, so folgt der Schluß noch gar nicht, daß sie auch verworren gedacht worden sei; vielmehr könnte es leicht sein, daß die verworrenst ausgedrückten gerade am deutlichsten gedacht werden. …“

Der Text von Kleist, aus dem diese Zitate stammen, ist erstmals 1878 in der Zeitschrift „Nord und Süd“ erschienen.

System der Systemlosigkeit

Ein frühromantischer Gedankengang, Jacobi, Novalis …

Insofern ein System Anspruch auf Welterklärung erhebt, zehrt es von einer Voraussetzung, über deren Scheinexistenz  es notwendigerweise hinwegsehen muß. Der Widerspruch liegt im Inneren des Systems.

Ein System der Systemlosigkeit kann die Fehler des Systems vermeiden und weder der Ungerechtigkeit noch der Anarchie bezichtigt werden. Das systemlose Chaos und seine Unbegreiflichkeit ist jeder Ordnung und jeder Systemkonstruktion als Ausgangspunkt verauszusetzen. Die vorausgesetzte Systemlosigkeit dient auch der Verlebendigung, wo das Geordnete tot und unlebendig geworden ist.

Systemlosigkeit als Ausgangspunkt

den anfang in schwebe halten
über dem unbegreiflichen
zwischen dem unbestimmten und dem bestimmten
durch loslösung von bedingungen.
die systemlosigkeit als ausgangspunkt wählen
auf dem weg
des handelns in offenheit
und der freiheit von toter ordnung
zu mehr selbstbestimmung und selbsterfahrung
durch sinnliche und ästhetische differenzierung.
auch das ist ein (künstlerisches) system.