Künstlerische Improvisation

Künstlerische Improvisation ist eine spannende und lustvolle Art Kunst zu machen.
Sie stellt ein System der Systemlosigkeit dar und ist nicht zielgerichtet.
Emphatische Verständigung steht im Zentrum.
Sie schafft innere Verbundenheit – freundschaftliche Beziehung oder Ablehnung.

Improvisation in der Kunst ist nichts Neues. Historiker haben das untersucht. Es gibt sie in allen Kunstsparten. Ich persönlich habe Improvisation in den 1970er Jahren im Afroamerikanischen Jazz kennen gelernt. Den Reichtum dieser Musik konnte ich nur erfahren, nachdem ich mich „hinein gehört“ habe. Oft genug fiel mir das als Europäer ziemlich schwer, besonders beim radikalen Freejazz. Aber dann gab es für mich kaum eine spannendere Musik. 

In der bildenden Kunst kenne ich Improvisation als Abstrakter Expressionismus, Gestische Malerei, Tachismus, Aktionismus oder als Ungegenständliche Kunst. Sie alle sind oft noch sehr regelhaft. Und vor allem solistisch.

Es gibt viele Definitionen von Improvisation. Die Etymologie des Wortes sagt uns nichts über die heutige Praxis von Improvisation. Ich denke, Improvisation ist eine Form von Kommunikation, in der Informationen ohne vorher definierte Regeln übertragen und ausgetauscht werden. Das erfordert von allen Beteiligten Wahrnehmungsfähigkeit und Achtsamkeit, sowie Kenntnis des Materials.

Die höchste Anforderung an die freie Improvisation besteht für mich im gleichzeitigen Zusammenwirken mehrer Kunstsparten (bildende Kunst, Musik, Tanz, Sprache) über kulturelle Grenzen hinweg. No limits. Kommunikation in verschiedenen Sprachen. Dass es Verständigungsschwierigkeiten gibt, versteht sich von selbst. Da bleibt mir nichts anderes übrig, als unvoreingenommen  und achtsam alle meine Sinne zu spitzen und meine künstlerischen Fähigkeiten ungefiltert einzusetzen. Das höchste Glück besteht dann für mich im Gefühl einer gelungenen Verständigung. Die ästhetische Beurteilung einer Improvisation ist sowieso immer subjektiv (und daher unnötig).

Optimale Bedingungen für freie Improvisation als Kommunikation sind:

  1. Offenheit: Alle haben die gleichen Chancen auf Initiation und Beteiligung, auf Setzung und Widerspruch ohne irgendeine Zeitbegrenzung.
  2. Transparenz: Alle haben die gleichen Chancen Deutungen, Behauptungen, Empfehlungen, Erklärungen und Rechtfertigungen aufzustellen und deren Geltungsanspruch zu begründen, zu problematisieren oder zu widerlegen, so dass keine Vormeinung auf Dauer der Thematisierung und der Kritik entzogen bleibt.
  3. Herrschaftsfreiheit: Alle haben die gleichen Chancen zu befehlen, sich zu widersetzen, zu erlauben und zu verbieten. Realitätszwänge sollen aufgehoben und ein erfahrungsfreier und handlungsentlasteter Kommunikationsraum soll eröffnet werden.
  4. Wahrhaftigkeit: Alle haben die gleichen Chancen Einstellungen, Gefühle und Intentionen zum Ausdruck zu bringen. Dadurch soll erleichtert werden, dass die Beteiligten sich selbst gegenüber Wahrhaftigkeit entwickeln und ihre innere Natur in Erscheinung treten kann.

 

Wir können uns auf die Suche nach Verständigung begeben oder uns an zuvor gesetzten Zielen orientieren.
Wir können uns von der Intuition, vom gefühlt Wahren und Richtigen leiten lassen oder unsere Interessen durchsetzen wollen.
Wir können uns von der Bedeutsamkeit der Performance bestimmen lassen oder von der Autorität der Beteiligten beeinflussen lassen.
Wir können nach dem gemeinsamen Richtigen suchen oder blind und trotzig unser „Recht behalten“ durchsetzen.
Wir können uns vom besseren Ausdruck überzeugen lassen oder vom Trickreichen überrumpeln lassen.
Wir können uns um die Verbesserung unserer eigenen Materialbeherrschung bemühen, oder mit Routine täuschen.

Vor, während und nach der improvisatorischen Performance kommt es immer wieder zu Meinungsverschiedenheiten. Das ist gar nicht zu vermeiden. Diese wollen ausgetragen, vielleicht vertieft oder auch beseitigt werden. Die Auseinandersetzung, die Reaktion auf einander ist notwendiger Bestandteil jeder Improvisation. Denn nicht Eine / Einer hat die richtige Auffassung, sondern wir erschaffen gemeinsam unsere Welt, in der wir leben. Wenn Jemand aus der gemeinsamen Improvisation aussteigt, so ist auch das Teil der Improvisation. Allerdings eher ein Liebesentzug, eine Nichtanerkennung der Berechtigung einer anderen als der eigenen Setzung. Das wäre ein bedauerliches Scheitern. Scheitern ist Teil der Improvisation, wie auch Teil der Realität.

Nicht jede Improvisationsbehinderung ist aber gleich ein Scheitern. Vielleicht kann durch Hindernisse die Aufmerksamkeit verstärkt auf die Präsenz statt auf ein fragwürdiges Ziel der Improvisation gelenkt werden. Improvisation ist eben nicht eine Kommunikation, die auf das eindeutige Ziel der unmissverständlichen Informationsübertragung ausgerichtet wäre. Schließlich ist Kommunikation kein Instrument der Wahrheitsfindung, sondern ein Prozess der Verständigung.

Neue gesellschaftliche Verhältnisse bringen eine neue Ästhetik. Für die Verständigung in neuen gesellschaftlichen Verhältnissen kann Improvisation eine Übung in der Beobachtung und Wahrnehmung von neuen Konventionen und Codes sein. Dazu muss auch die Improvisation aus ihren alten Praxen heraus treten.