Derrida bei Coleman

In einem Interview meinte Jacques Derrida 2002: „I believe in improvisation, and I fight for improvisation, but always with the believe that it is impossible.“

Wie das? – Von nichts kommt nichts. Es ist immer schon etwas vorhanden in unserem Gedächtnis und in unserer Kultur. Wir sind zur Wiederholung von Bekanntem gezwungen. Trotzdem ist die  Zukunft nicht voraussagbar. Es gibt immer etwas Unerwartetes, Ungeplantes, Unvorhergesehenes. Zwischen diesen beiden Polen bewegen wir uns. Auch wenn man die Möglichkeit von Improvisation grundsätzlich abstreitet, Strategien zur Herbeiführung von Unvorhersehbarkeit sind immer möglich.

1997 stand Derrida gemeinsam mit dem Erfinder des Freejazz, Ornette Coleman, in Paris auf der Bühne und performte folgenden Text: „What’s happening? What’s going to happen, Ornette, now, right now? … This chance frightens me, I have no idea what’s going to happen.“ Und weiter: „As all of you see, I have a sort of written score, you think that I am not improvising, well, you are wrong. I am pretending not to improvise, I just pretend, I play a reading, but by improvising.“ Derrida wurde von der Bühne weg gebuht.

Was war passiert? – Wenn Derrida hier lügt, dann liest er einen Text vor. Wenn er die Wahrheit sagt, dann ist das, was das Publikum wahrnimmt – Derrida liest einen Text – nicht wahr. Dieses Paradox zeigt, dass die Wahrnehmung der Performance die Bedeutung determiniert. Der Sprecher selbst weiß nicht, wie die Performance aufgefasst wird. Die Rezeption der Performance ist nicht vorhersehbar.

Nun ist es ein Wesensmerkmal der Kommunikation selbst, dass sie funktioniert, weil die Bedeutungen von Zeichen, Wörtern, Text und Sprache nie völlig kontrolliert und vorhergesagt werden können. Die Wiederholbarkeit der Zeichen / des Textes ändert nichts daran, dass die Bedeutung in der Wahrnehmung der Anderen liegt und nicht oder nicht nur im gesprochenen Text.

Künstlerische Improvisation will erkennbar erfinderisch sein, unterscheidbar vom bereits Gewussten und vom Voraussagbaren. Und damit ist sie vice versa abhängig vom bereits  bekannten kulturellen Wissen, gerade auch, wenn sie sich davon abgrenzt.  Neue Einfälle und alternative Erfindungen sind dann in verschiedenen Methoden der Vermittlung zu finden, in verschiedenen Formen der Präsentation und im Bruch von bekannten Regeln (d.h. im Rückbezug auf Bekanntes, in der unterschiedlichen Wiederholung von Zeichen).

Die Unmittelbarkeit der live Performance aktiviert den Erfindergeist bzw. den Einfallsreichtum und ladet gleichzeitig zur Wiederholung ein. Das Ergebnis ist offen und kann in der Kommunikation gedeutet werden.